Ich bin kein Kletterer. Ich wohne nur sehr nah dran.

Wenn man in Alforja lebt, fünfzehn Minuten unterhalb von Siurana, merkt man irgendwann: hier ist ein internationales Klettergebiet. Nicht weil es Werbeschilder gibt, die gibt es nämlich nicht. Sondern weil die Autos vor der Bäckerei in Cornudella aus halb Europa kommen. Slowenien, Tschechien, Schweden, Deutschland, Frankreich. Junge Leute mit Seil-Rucksäcken, harten Fingern, gegerbter Haut. Sie sitzen abends im Café, trinken ein Bier nach einem langen Tag an der Wand, und reden über Routen, die ich nicht verstehe.

Dieser Text ist nicht für sie. Sie wissen längst, warum sie hier sind.

Dieser Text ist für die, die noch überlegen: ist Siurana etwas für mich, soll ich da hin, was sollte ich vorher wissen. Ich schreibe das als jemand, der neben dem Klettergebiet wohnt, nicht als jemand, der drin klettert. Das hat einen Vorteil. Ich bin nicht voreingenommen. Ich kann dir nicht sagen, welche Route bei welchem Grad besonders schön ist, aber ich kann dir sagen, was Siurana ausmacht, was Kletterer übersehen und wo die Logistik knirscht.

Was Siurana eigentlich ist

Siurana ist zweierlei.

Erstens ein Dorf. Knapp dreißig Einwohner, oben auf einem Felsen, der wie ein Schiffsbug aus der Sierra de Montsant ragt. Es gibt eine romanische Kirche aus dem 12. Jahrhundert, eine winzige Bar, einen Aussichtspunkt, und sonst Stein. Das Dorf ist auf einem Hochplateau gebaut, das auf drei Seiten in tiefe Schluchten abfällt. Die letzten Mauren in Catalunya verschanzten sich hier 1153. Die Geschichte ist im Stein nachzulesen, und in den Augen der älteren Bewohner.

Zweitens, und deswegen kommen die Autos, ein Klettergebiet. Genauer: eines der wichtigsten Sport-Kletterzentren Europas. Die Wände rund um das Dorf bestehen aus Kalkstein-Konglomerat, eine geologische Mischung aus Kalkstein und eingebetteten Kieseln, die senkrechte, oft überhängende Wände bildet mit kleinen, scharfen Griffen. Wer es kennt: das ist das Gegenteil von Granit oder Sandstein.

Konglomerat-Wände rund um Siurana

In den achtziger und neunziger Jahren haben einheimische Kletterer wie Toni Arbonès und später internationale Größen wie Chris Sharma, Adam Ondra und Ramon Julian die Wände eröffnet. Heute sind über 1.500 Routen erschlossen. Manche davon, wie “La Rambla”, sind zu Pilgerorten geworden.

Für wen ist Siurana geeignet?

Soweit ich von Gästen und Bekannten weiß: für jede Erfahrungsstufe, aber mit Einschränkungen.

Wenn du noch nie geklettert hast, ist Siurana nicht der Ort, um anzufangen. Es gibt keine Anfänger-Wand mit drei einfachen Routen und einem Sicherer-Vater nebendran. Was es gibt, sind lokale Kletter-Schulen vor Ort, die Tagestouren mit Guide anbieten. Das ist die seriöseste Art, hier zum ersten Mal anzufangen, mit jemandem, der das Gestein und die Sektoren kennt.

Wenn du Hobbymäßig kletterst, wirst du in Siurana glücklich. Es gibt Sektoren mit Routen ab dem französischen Grad 4 (5a) aufwärts, das entspricht ungefähr UIAA IV bis V. Sektoren wie L’Olla oder Can Marges de Dalt haben einen gemischten Schwierigkeitsbereich, in dem auch nicht-Profis ihren Tag finden.

Wenn du erfahren bist, weißt du vermutlich schon, warum du herkommst. Siurana hat einige der ikonischen Routen der Welt im Bereich 8a bis 9b+. La Rambla, Era Vella, Mind Control, Aitana, Sky Walker. Wenn du das hier liest, kann ich dir nichts erzählen, was du nicht schon weißt.

Wann ist die beste Zeit?

Das Konglomerat-Gestein in Siurana liebt trockene, kühle Bedingungen. Die kleinen Griffe verlangen Reibung, und im Sommer wird die Sonne in den meisten Sektoren brutal.

Aus meiner Anwohner-Sicht:

Die Hauptsaison läuft von Oktober bis April. Hier ist das Dorf voll, die Sektoren sind belegt, und in der Bäckerei steht man morgens an. Wer Ruhe will, kommt nicht jetzt.

Frühjahr (März, April) und Spätherbst (Oktober, November) sind ideal. Tagsüber 15 bis 22 Grad, Sonne, oft windstill.

Sommer (Juni bis August) ist für die meisten Sektoren zu heiß. Es gibt Schatten-Sektoren wie Siuranella Centre oder das hintere Can Piqui Pugui, die auch im Sommer klettrbar sind, aber das ist Profis vorbehalten, die wissen, wann man wo hingehen kann.

Der tiefe Winter (Dezember, Januar) kann perfekt sein, wenn die Sonne scheint. Knackig kalt morgens, perfekte Reibung. Aber Regentage sind problematisch, weil das Gestein lange trocknet.

Wenn du nur ein Wochenende hast und Ruhe statt Hochsaison-Trubel willst, ist November oder Februar an Wochentagen die beste Wahl. Du wirst Wände finden, an denen du fast allein bist.

Was Kletterer hier oft übersehen

Wanderweg im Prades-Gebirge, Blick aufs Tal

Drei Dinge, die mir in Jahren als Anwohner aufgefallen sind.

Erstens, das Dorf ist mehr als nur Klettergebiet. Die meisten Kletterer parken am Parkplatz unterhalb des Dorfs, gehen direkt in ihren Sektor, klettern den Tag, fahren abends zurück nach Cornudella zum Schlafen. Sie sehen das Dorf nie. Das ist schade. Siurana selbst, also die Ruine der maurischen Burg, der Blick vom Salt de la Reina Mora, die Romanik der Església de Santa Maria, ist eine Stunde wert. Mindestens.

Zweitens, die Region drumherum. Siurana liegt mitten zwischen zwei der eindrucksvollsten Naturparks Katalonien: dem Montsant im Norden und dem Priorat im Süden. Wer drei oder vier Tage zum Klettern kommt, sollte einen davon nutzen, um nicht zu klettern. Ein halber Tag im Priorat, eine Wein-Verkostung in einer kleinen Bodega, ein Mittagessen in Falset oder Gratallops. Das gibt der Reise einen anderen Rhythmus.

Drittens, die Logistik mit dem Wasser. Im Dorf gibt es keinen Supermarkt. In Cornudella, zehn Minuten runter, ja. Wer auf dem Weg zu seinem Sektor noch Wasser braucht, sollte das vorher denken. Manche Sektoren liegen 20 bis 30 Minuten Fußmarsch vom Auto, und im April kann es bei voller Sonne überraschend warm werden.

Übrigens: Wenn dir Siurana gefällt, lohnt sich der Blick auf Margalef, das ruhigere Schwester-Gebiet eine knappe Autostunde westlich. Anderes Konglomerat, mehr Sloper, weniger Trubel, und ein Stausee zum Abkühlen nach dem Klettertag. Viele kombinieren beide auf einem Trip.

Wo Insider tiefer einsteigen

Da ich kein Kletterer bin, kann ich keine echte Sektor-Beratung geben. Aber ich verlinke auf das, was bei Gästen aus dem Klettergebiet immer wieder genannt wird:

  • 27 Crags, die wichtigste Online-Topo für Siurana, mit Routen-Listen, Schwierigkeiten und User-Tickabständen
  • Mountain Project, ähnlich, eher englischsprachig
  • ein gedrucktes Topo-Buch von Pete O’Donovan, das in fast jedem Kletterer-Rucksack steckt, der hierherkommt
  • lokale Kletter-Schulen vor Ort für Anfänger oder geführte Touren

Wo schläft man?

Mas Luna in Alforja, Pool und Olivenhain in der Abenddämmerung

Die meisten Kletterer schlafen in Cornudella de Montsant oder etwas weiter weg in den umliegenden Dörfern. Es gibt einige Albergues und Campingplätze in der Nähe, die explizit Kletter-orientiert sind.

Wenn du aber lieber etwas Ruhe willst, einen Pool für die müden Muskeln nach einem Klettertag, einen Garten zum Ausruhen, eine richtige Küche und nicht das übliche Kletter-Hostel-Gefühl, dann liegt Mas Luna fünfzehn Autominuten von Siurana entfernt. Ein Doppelzimmer in einem ruhigen Haus zwischen Olivenhainen, mit allem, was zu einer richtigen Auszeit nach einem langen Klettertag gehört. Hund freundlich, Auto-Stellplatz, WLAN für die Topo-Recherche am Abend.

Aber das ist nicht der Punkt dieses Textes. Der Punkt ist: Siurana ist mehr als nur ein Klettergebiet. Es ist eine Landschaft, ein Dorf, eine Geschichte, ein Stein. Wer herkommt und nur klettert, verpasst die Hälfte.

Und wer überlegt herzukommen, aber zögert: komm. Es lohnt sich. Auch dann, wenn du nicht klettern willst.